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Uwe Saeger, Otto Sander Tischbein

Ebeil

oder Die Rückseite der Liebe

64 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-941683-01-3

14,95 € *
 
Dieser Artikel ist vergriffen.
 
 
 
„Ebeil adaptiert die Geschichte des Sängers Orpheus – allerdings in unerwarteter, umgekehrter, traumartig verschobener Weise: Nicht der Mann sucht die Frau im Totenreich, sondern bei Saeger folgt die Frau dem Mann, der im Fluss versinkt. Im Mythos hofft Orpheus am Ufer des Flusses Styx darauf, dass Eurydike aus dem Totenreich Hades zurückkommt; bei Saeger versinkt Prinz Kcülg auch in einem Fluss der Unterwelt, aber nicht im giftigen Totenfluss, sondern in dem der abgemilderten Art, im Fluss des Vergessens, Lethe. Auf solch spielerische Weise […] bereichert Uwe Saeger den Mythos.“
 
Wolfgang Gabler
 

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Quelle: Wolfgang Mahlow/Nordkurier, 22./23. Mai 2010 (gekürzt)
Universelle Weltbetrachtung
Uwe Saeger streift sich in "Ebeil oder Die Rückseite der Liebe"
das Gewand des Märchenerzählers über
Um "großmäulige Veräußerungen" ist das Volk nie verlegen. Doch als eines
Tages die Sonne nicht mehr aufgehen möchte, verschlägt es ihm die
Sprache. Denn ob Pflanze, Tier oder Mensch, "wenn es finster ist für
immer, egal wo und für wen, ist?s zu Ende mit einem jeden". Was sich, so
verkürzt, als ein warnender Beitrag zur Klimakatastrophe lesen oder
einfach nur ein weiteres Fantasy-Szenario sein könnte, ist in Wahrheit
der Ausgangspunkt für eine universelle Lebens- und Weltbetrachtung.
Der in Bellin bei Ueckermünde lebende Uwe Saeger streift sich dafür das
Gewand des Märchenerzählers über. Sein sorgsam hergestellter Gestus
verleiht dem gedruckten Text unversehens einen hörbaren Erzählklang. Was
der Märchenerzähler berichtet, kann sich hier und überall zugetragen
haben. Und es ist an keine Zeit gebunden. Schon im ersten Satz, mit dem
der Erzähler die Zuhörer um sich schart, fließen die Zeiten ineinander.
Gegenwart ist Vergangenheit und Vergangenes geschieht in diesem Moment
- oder vielleicht erst morgen, ist Vision oder Traum. Die
althergebrachten, kaum noch vertrauten Worte, in denen ein Mädchen eine
"Maid" ist und das Jammern ein "Barmen", gehören ebenso dazu wie die
bedenkenswerten Kommentare zum Verlauf und zu den verschenkten
Möglichkeiten geschichtlicher Umbrüche.
Saegers Interesse galt immer dem "Volk". Aufmerksam registriert er in
seinem Märchen, wie es sich "in Zeiten niederbrechender Gewissheiten"
verhält. Er erfindet dafür einen verblüffend einleuchtenden Vorgang. Die
enttäuschte Hoffnung auf einen Prinzen, der Licht und Wärme
zurückzuholen versprochen hat, schlägt um in Verachtung, Wut und
Rebellion. Doch die auf?s bloße Vergangene gerichtete Revolte führt zu
nichts. Denn die eine Hälfte des Volkes sind "Hampelmänner auf
Strampeltour", und die andere sind nichts als "Luftschaufler,
Schattenboxer und Erbsenzähler, die auch Linsen, Knöpfe und hohle Kerne
dafür nehmen, nur damit ihr Maß voll wird". Sätze wie diese geben für
einen Moment den Blick frei auf die ganz und gar nicht märchenhafte
Gegenwart. Doch sie haken sich nicht einfach fest an der Realität.
Gegründet auf historische Erfahrungen, geben sie der Interpretation Raum.
Saeger geht es nicht nur um die Staatsgeschäfte. "Ebeil" ist auch die
Geschichte von einem Mann und einer Frau. Ein unschuldiges Mädchen hatte
Prinz Kcülg einst vom Volke als Lohn für seine Heldentat verlangt. Als
die beiden sich endlich begegnen, sind sie nicht mehr jung. Und Unschuld
ist wohl für immer verloren. Oder woran wäre sie zu erkennen? Ist diese
Gestalt nur eine Allegorie der sich aus dem Aufstand erhebenden
Freiheit? Denn "ein junges, unschuldiges Mädchen ist für jedes und jeden
eine Zurede auf Zukunft". Um die Zukunft zu gewinnen, kehrt Saeger den
Weg des Alterns um und führt die Liebenden zurück bis an den Ursprung
allen Seins. So, wie er ihre Namen zum Spiegelwort formt, wodurch sich
"Ebeil" wie "Liebe" liest und "Kcülg" wie "Glück". Zur Unterstützung
werden andere große Liebespaare herbeigerufen. Orpheus und Eurydike,
Adam und Eva, Leonce und Lena gehen durch den Text. Saegers "Schauspiel
zur Welterrettung" steckt voller Anspielungen. Er variiert die großen
Motive, gestaltet sie um und vertieft dadurch seine ganz eigene
Liebeserfahrung. Diese Spuren und Verwandlungen zu entdecken bereitet
großes Vergnügen. Der Literaturwissenschaftler Wofgang Gabler steht dem
Leser dabei mit einem anregenden Nachwort zur Seite.
Zum Text gehören fünf eigenständige "Bildtafeln" von Otto Sander
Tischbein. Sie bebildern nicht, was Saeger erzählt, sind dem aber eng
verbunden. Die Grafiken kämpfen sich aus einer kaum zu durchdringenden
Dunkelheit ins Licht. Sanders sparsame, abstrahierende Zeichen-Figuren
schweben frei durch den Raum und deuten so Beziehungen aus. Erst in der
letzten Tafel findet Berührung statt, gewinnt das Licht die Oberhand.
Blätter, die den schmalen Band zusätzlich wertvoll machen.